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Artikel: Im isländischen Pavillon der Biennale von Venedig 2019

Inside the Icelandic Pavilion at the Venice Biennale 2019 - Ideelart

Im isländischen Pavillon der Biennale von Venedig 2019

Eine mystische Welt aus Farbe, Klang und Haarverlängerungen erwartet die Besucher des Isländischen Pavillons der Biennale von Venedig 2019. Die Installation ist das Werk von Hrafnhildur Arnardóttir, auch bekannt als Shoplifter, und trägt den Titel „Chromo Sapiens“, eine Anspielung auf die verwandlungsreiche Erfahrung, die die Künstlerin den Besuchern wünscht, wenn sie von den überwältigenden Farben umhüllt werden. „Chromo Sapiens“ nimmt eine einzige, riesige Kammer ein, doch die Künstlerin hat den Raum durch Farbwechsel in drei kleinere, höhlenartige Kammern unterteilt. Die erste Kammer, „Primal Opus“, ist dunkel und unheimlich. Obwohl man das Gefühl hat, von einem Dschungel aus pelzigen Tropfsteinen umgeben zu sein, bleibt die genaue Natur der Umgebung verborgen, da Schwarz- und Blautöne das meiste Licht schlucken. Wenn man in die zweite Kammer „Astral Gloria“ vordringt, wechselt die Farbpalette zu hellen, satten und lebendigen Rot-, Gelb-, Grün- und Lilatönen. An diesem Punkt fühlt man sich vielleicht unwiderstehlich dazu gedrängt, die Arbeit zu berühren – die vollständig aus künstlichen Haarverlängerungen besteht. Dies wird von der Künstlerin gefördert, die an die sinnliche Kraft von Haar glaubt und an die kreativen Verbindungen, die durch menschliche Berührung entstehen. Hier liegen auch Haaransammlungen auf dem Boden, die zum Sitzen und Verweilen einladen. Schließlich betritt man „Opium Natura“, die entfernteste Kammer, in der man in eine Welt aus Weiß eintaucht. Als wäre man von einem umgekehrten Eisbären verschlungen oder in einem haarigen Iglu geborgen, spürt man, wie sich die Gehirnchemie verändert, einen beruhigt und den Herzschlag verlangsamt. Währenddessen wird man auch von Klängen überflutet, die von einer eigens für die Installation entworfenen Klanglandschaft der isländischen Rockband HAM stammen. Die niederfrequenten Vibrationen der Musik wecken etwas Urzeitliches in den Knochen. Man spürt es im Kopf und im Bauch. Passenderweise leitet sich der Bandname von den isländischen Wörtern hamiur, was Fell bedeutet, und hamskipti, was Häuten oder Abwerfen heißt, ab. Das spürbare, leibliche Erlebnis lässt einen tatsächlich wie ein Tier fühlen, das eine Verwandlung durchmacht. Wenn man „Chromo Sapiens“ schließlich verlässt, ist man sich vielleicht nicht ganz sicher, was man gerade erlebt hat – man weiß nur, dass man es unbedingt noch einmal durchleben möchte.

Fließe es, zeige es

Haar. Darum geht es bei dieser Installation wirklich. Trotz des Namens „Chromo Sapiens“, der die Aufmerksamkeit auf Farbe lenkt, war Haar für Arnardóttir stets die wahre Inspirationsquelle. Die Künstlerin arbeitet seit mehr als anderthalb Jahrzehnten mit echtem und künstlichem Menschenhaar in verschiedenen Formen. Sie fotografierte Männer mit Pferdeschwänzen und fügte die Schnappschüsse zu einem sogenannten „Pferdeschwanz-Panorama“ zusammen; sie ließ Frauen mit Bart-Halsketten durch die Straßen ziehen in der Performance „Siamesische Rapunzels“; sie verzierte eine Kugel mit silbernen Zöpfen und schuf so den „Haarigen Mond“. Diese verschiedenen ästhetischen Experimente stehen alle im Zusammenhang mit ihrem Glauben, dass Haar ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Kreativität ist. Es ist einer der ursprünglichen Wege, auf denen Menschen lernen, ihre Individualität auszudrücken. Es wächst natürlich aus uns heraus und erneuert sich selbst sogar nach unserem Tod. Es ist weich und doch widerstandsfähig; uralt und doch ständig neu.

Hrafnhildur Arnardottir / Shoplifter Chromo Sapiens

Hrafnhildur Arnardóttir / Shoplifter - ChromoSapiens, Installationsansicht. Der Isländische Pavillon bei der 58. Internationalen Kunstausstellung – la Biennale di Venezia, 2019. Foto: Elisabet Davidsdottir © Hrafnhildur Arnardóttir / Shoplifter

Ein Grund, warum „Chromo Sapiens“ eine so unbestreitbar leibliche Anziehungskraft besitzt, ist, dass es vollständig aus Haar besteht. Es ist wie ein umgekehrtes Bild eines Traums davon, wie es wäre, in die Geborgenheit des Mutterleibs zurückzukehren. Wir werden durch die stofflichen Eigenschaften dieser Installation getröstet, auch wenn die Farbigkeit dieses Gefühl von Geborgenheit durcheinanderbringt. Wäre es nur eine Reihe unterschiedlich gefärbter Kammern, wäre das Erlebnis nicht dasselbe. Ein dunkler Raum ist nicht annähernd so beunruhigend wie ein dunkler, pelziger Raum. Ein regenbogenfarbener Raum mag intellektuell oder geistig erhebend sein, wie jeder weiß, der schon einmal eine Installation von James Turrell besucht hat, aber ein regenbogenfarbener, pelziger Raum aktiviert unsere animalischsten Sinne. Ein weißer Raum ist geradezu steril; aber ein weißer, pelziger Raum ist wie ein perfektes Nest.

Hrafnhildur Arnardottir / Shoplifter Chromo Sapiens

Hrafnhildur Arnardóttir / Shoplifter - Chromo Sapiens, Installationsansicht. Der Isländische Pavillon bei der 58. Internationalen Kunstausstellung – la Biennale di Venezia, 2019. Foto: Elisabet Davidsdottir © Hrafnhildur Arnardóttir / Shoplifter

Das tiefe Summen

Ein weiterer wichtiger Aspekt von „Chromo Sapiens“ ist der Klang. Das tiefe, grollende Summen, das uns durch die Installation begleitet, wird sofort Teil des Hintergrunds. Doch wir können ihm nicht entgehen, selbst wenn wir Ohren und Geist verschließen, denn es dringt in unser Fleisch ein und lässt uns von innen heraus vibrieren. Wir werden von den Farben um uns herum und den stofflichen Eigenschaften des Haares abgelenkt, doch der Klang ist wesentlich für das Gefühl von Geborgenheit, das Arnardóttir mit dem Werk geschaffen hat. Er erinnert uns an unsere frühesten Tage, als wir im Fruchtwasser des Mutterleibs schwebten und das stetige, beruhigende Rumpeln eines rhythmischen Herzschlags spürten. Die Band HAM wird oft fälschlich als „Heavy Metal“-Band bezeichnet. Sie sind eher eine Band, die rhythmische, treibende Kräfte nutzt, um ein wachsendes Gefühl von Energie zu erzeugen. Im Kontext dieser Installation hat ihre Musik fast den gegenteiligen Effekt – statt auf etwas hinzusteuern, schafft sie ein Gefühl von Harmonie und Gleichgewicht.

Hrafnhildur Arnardottir / Shoplifter Chromo Sapiens

Hrafnhildur Arnardóttir / Shoplifter - Chromo Sapiens, Installationsansicht. Der Isländische Pavillon bei der 58. Internationalen Kunstausstellung – la Biennale di Venezia, 2019. Foto: Ugo Carmeni © Hrafnhildur Arnardóttir / Shoplifter

Zusammen genommen scheinen die drei Kammern von „Chromo Sapiens“ zusammen mit den drei Elementen Farbe und Haar unausweichlich mit dem chinesischen Begriff Sanchin, den drei Konflikten, verbunden zu sein: Geburt, Leben und Tod. Wir werden in Dunkelheit geboren, so wie wir „Chromo Sapiens“ betreten, eingehüllt in Schatten und Furcht. Doch bald wird das Leben zu einer Sinnesexplosion, die uns mit einer fast übermäßigen Fülle von Anblicken, Klängen und Gefühlen umgibt und überflutet. Manche von uns verweilen lange in dieser zweiten Phase, so wie man im zweiten Raum dieser Installation Platz nehmen und das Wunder und die Ehrfurcht so lange wie möglich betrachten kann. Schließlich, unausweichlich, folgt der dritte Konflikt – die letzte Phase – der weiße Raum. Das Schönste an „Chromo Sapiens“ ist, wie tröstlich das Ende ist: wie friedlich, eindringlich und still es wird. Wenn sich die Tür schließlich öffnet und wir die Installation verlassen, hinaus ins Licht, fühlt es sich genau so an, als würden wir an einen Ort zurückgeschickt, den wir vergessen hatten, je besucht zu haben, ob wir wollen oder nicht, um von vorne zu beginnen.

Titelbild: Hrafnhildur Arnardóttir / Shoplifter - Chromo Sapiens, Installationsansicht. Der Isländische Pavillon bei der 58. Internationalen Kunstausstellung – la Biennale di Venezia, 2019. Foto: Ugo Carmeni © Hrafnhildur Arnardóttir / Shoplifter
Alle Bilder dienen nur zu Illustrationszwecken
Von Phillip Barcio

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