
Die Neurowissenschaft der Schönheit: Wie Künstler Glück erschaffen
Seit Jahrhunderten versuchen Philosophen und Künstler, die Natur der „Schönheit“ zu definieren. Denker wie Platon und Kant verstanden Schönheit als eine transzendente Idee oder eine ästhetische Erfahrung, die von persönlichen Wünschen losgelöst ist. Heute jedoch hat sich durch die Neuroästhetik ein neues Verständnis herausgebildet: Schönheit könnte nicht nur ein abstraktes Konzept, sondern ein physiologisches Phänomen sein. Wenn ein Kunstwerk als schön wahrgenommen wird, löst es bestimmte neuronale Mechanismen aus, die positive Gefühle erzeugen, darunter die Ausschüttung von Dopamin und anderen Botenstoffen. Wenn Kunst „Schönheit“ schaffen kann, dann kann sie auch Glück erzeugen, ein Konzept, das tief in der menschlichen Biologie verwurzelt ist.
Schönheit: Mehr als eine einfache chemische Reaktion
Die Neuroästhetik, ein Forschungsgebiet, das von Wissenschaftlern wie dem Neurologen Semir Zeki untersucht wird, legt nahe, dass die Wahrnehmung von Schönheit bestimmte Hirnregionen aktiviert, wie den medialen orbitofrontalen Kortex, der mit Gefühlen von Freude und Belohnung verbunden ist. In Zekis Studie „The Experience of Mathematical Beauty and its Relation to Perception of Visual Beauty“ (2011) zeigt er, dass die Wahrnehmung von Schönheit – sei es mathematisch oder künstlerisch – auf ähnlichen neurologischen Prozessen beruht. Diese Forschung stellt eine direkte Verbindung zwischen der Begegnung mit Schönheit und der Aktivierung des Belohnungssystems im Gehirn her, das Dopamin sowie andere Neurotransmitter wie Serotonin und Endorphine einschließt.
So kann das Betrachten eines Gemäldes, einer Skulptur oder sogar einer harmonischen Melodie diese neuronalen Schaltkreise aktivieren und ein Wohlgefühl erzeugen. Diese Vorstellung erklärt, warum bestimmte Kunstwerke intensive emotionale und positive Reaktionen bei Betrachtern hervorrufen. Schönheit ist weit mehr als bloße Abstraktion; sie könnte der Schlüssel sein, um unmittelbare angenehme Reaktionen im menschlichen Gehirn auszulösen.
Dies führt zu einer zentralen Frage, die sich durch die Kunstgeschichte zieht: Wenn das Schaffen von Schönheit Glück erzeugt, wird der Künstler, der sich für die Schaffung von Schönheit entscheidet, zum „Glücksmacher“? Und welche Rolle spielt in unserer heutigen Welt, in der Kunst oft mit komplexen sozialen und politischen Themen ringt, das Streben nach rein ästhetischem Vergnügen?
Künstler als Glücksmacher: Das bewusste Streben nach Schönheit
Im Laufe der Kunstgeschichte haben einige Künstler ausdrücklich versucht, „Schönheit“ einzufangen, indem sie sozio-politische oder erzählerische Überlegungen beiseite ließen, um sich ganz auf die ästhetische Erfahrung zu konzentrieren. Der französische Maler Pierre Bonnard, mit seinen in goldenes Licht getauchten Gemälden und ruhigen häuslichen Szenen, scheint sein Werk bewusst darauf ausgerichtet zu haben, beim Betrachter Ruhe und Frieden zu erzeugen. Sein Werk „Esszimmer auf dem Land“ (1913) lädt zur Betrachtung einer Welt der Stille ein und weckt Gefühle von Geborgenheit und Gelassenheit.
Yves Klein, mit seiner Obsession für Monochromie und seinem berühmten International Klein Blue (IKB), strebte eine Form reiner Schönheit an, losgelöst von figurativer Darstellung oder Botschaften. Für Klein war Farbe das perfekte Mittel, um eine transzendente ästhetische Erfahrung zu erreichen, bei der Schönheit als universelle Emotion wahrgenommen wird. Seine Anthropometrie-Serie drehte sich nicht um die menschliche Form, sondern um die reine Erfahrung seines charakteristischen Blaus.
Ähnlich betonte Henri Matisse oft, dass Farbe von ihrer beschreibenden Funktion befreit werden sollte, um eine eigene Sprache zu werden. In Werken wie „Der Wellensittich und die Meerjungfrau“ (1952-53) erforscht Matisse Schönheit in ihrer reinsten Form, wobei einfache Formen und lebendige Farben eine freudige und harmonische Umgebung schaffen. Matisse selbst erklärte, sein Ziel sei es, Kunst zu schaffen, die „wie ein guter Sessel“ sei – ein Zufluchtsort, ein Ort des Trostes für die Seele.
Auch in der zeitgenössischen abstrakten Kunst setzt sich diese Tradition fort. Künstler wie Sean Scully schaffen Werke, in denen Farbzusammenhänge und geometrische Formen einzig dazu dienen, ästhetisches Vergnügen und emotionale Resonanz zu erzeugen. Seine Streifenbilder stellen nichts dar außer der Schönheit des Farbenspiels und der kompositorischen Harmonie.
Für diese Künstler steht das Schaffen von Schönheit im Mittelpunkt ihres Schaffens. Ihr Ziel ist es nicht, komplexe Realitäten abzubilden, sondern unmittelbare positive Gefühle hervorzurufen. Sie verfolgen ästhetisches Vergnügen mit der ausdrücklichen Absicht, angenehme Reaktionen bei ihren Betrachtern zu erzeugen – sie sind im Grunde Glücksmacher.

Spring Light (Blue) - Emma Godebska
Das Gegenargument: Kunst jenseits von Behaglichkeit
Während das Streben nach Schönheit ein edles Unterfangen ist, gibt es auch Kritiker. Viele Künstler und Kritiker vertreten die Ansicht, dass Kunst nicht darauf beschränkt sein sollte, angenehme Gefühle zu erzeugen. Marcel Duchamp lehnte mit seinem berühmten „Fountain“ (1917) die Vorstellung ab, dass Kunst „schön“ sein müsse, um bedeutungsvoll zu sein. Für ihn sollte Kunst Konventionen herausfordern, Erwartungen trotzen und manchmal Unbehagen hervorrufen. Duchamp wollte den Fokus von reiner ästhetischer Betrachtung weglenken und die Natur der Kunst selbst hinterfragen.
Ebenso suchte Francis Bacon, dessen Gemälde die dunkelsten und beunruhigendsten Aspekte menschlicher Erfahrung erforschen, nicht nach Schönheit, sondern wollte die Gewalt und den Schmerz des Daseins offenlegen. Seine verzerrten Porträts, wie die Serie „Studie nach Velázquez’ Porträt von Papst Innozenz X.“, zielen nicht darauf ab, zu beruhigen, sondern die Betrachter mit der brutalen Realität der menschlichen Existenz zu konfrontieren. Für Bacon konnte Kunst nicht auf visuelles Vergnügen reduziert werden; sie musste den Betrachter mit den Komplexitäten des Lebens konfrontieren.
Goyas „Saturn verschlingt seinen Sohn“ (1819-1823) erforscht die Tiefen des Schreckens und verzichtet bewusst auf Schönheit, um Raum für eine Ästhetik der Furcht zu schaffen, die den Betrachter mit weit komplexeren und beunruhigenden Gefühlen konfrontiert.
Diese Beispiele zeigen, dass Kunst über bloßes ästhetisches Vergnügen hinausgehen kann – und oft sollte. Kunst kann ein Mittel für gesellschaftliche Kommentare, ein Anstoß zur Reflexion oder sogar ein Auslöser für notwendiges Unbehagen sein. Doch das bedeutet nicht, dass Schönheit in der künstlerischen Praxis überflüssig ist.
Schönheit als ein gültiger Weg unter vielen
Trotz dieser Kritik bleibt das Streben nach Schönheit ein vollkommen legitimes künstlerisches Ziel. So wie manche Künstler politische oder soziale Themen ansprechen, konzentrieren sich andere darauf, Schönheit zu schaffen, um positive Gefühle hervorzurufen. Das „Schöne“ in der Kunst ist kein geringeres Ziel, sondern einfach eine von vielen legitimen Herangehensweisen.
Beispielsweise engagiert sich Shepard Fairey, bekannt für sein „Hope“-Plakat mit Barack Obama, politisch durch seine Kunst. Obwohl visuell eindrucksvoll, strebt sein Werk nicht danach, im traditionellen Sinn schön zu sein; sein Hauptziel ist es, eine starke politische Botschaft zu vermitteln.
Andererseits widmeten Künstler wie Claude Monet ihr Leben der Darstellung der Schönheit der Natur. Seine Seerosen-Serie erforscht Licht und Farbe auf eine Weise, die einzig darauf abzielt, Frieden und Ruhe hervorzurufen. Weit davon entfernt, simpel oder kommerziell zu sein, ist Monets Suche nach natürlicher Schönheit ein ebenso tiefgründiges künstlerisches Unterfangen wie jedes politisch engagierte Werk.
Zeitgenössische abstrakte Künstler setzen diese Tradition fort. Mark Rothkos Farbfeldbilder mit ihren leuchtenden, meditativen Qualitäten wurden ausdrücklich geschaffen, um transzendente emotionale Erfahrungen zu erzeugen. Rothko sagte einmal, er interessiere sich für „grundlegende menschliche Gefühle – Tragödie, Ekstase, Untergang.“ Sein Streben nach Schönheit war tief philosophisch und zielte darauf ab, das Erhabene zu berühren.
So ist das Streben nach Schönheit, obwohl es manchmal als vereinfachend kritisiert wird, ein künstlerischer Weg, der ebenso legitim ist wie jeder andere. Schönheit in der Kunst kann Glück bringen, eine Zuflucht vor dem Chaos der Welt bieten und Momente reiner Betrachtung schaffen.
Terra Incognita 7 (2018) - Jessica Snow
Die Neurowissenschaft der ästhetischen Erfahrung
Neurowissenschaftliche Forschungen stützen die Idee, dass kunstvolle Werke, die auf Schönheit ausgerichtet sind, eine echte psychologische Funktion erfüllen. Studien zeigen, dass das Betrachten ästhetisch ansprechender Kunstwerke den Cortisolspiegel (Stresshormone) senken, den Blutdruck reduzieren und das Wohlbefinden steigern kann. Die Reaktion des Gehirns auf Schönheit umfasst mehrere Systeme: das Belohnungssystem (Dopamin), die Zentren für emotionale Verarbeitung (Limbisches System) und Bereiche, die mit Erinnerung und Sinngebung verbunden sind.
Dies legt nahe, dass Künstler, die schöne Werke schaffen, nicht nur „schöne Bilder“ machen – sie gestalten Erlebnisse, die das geistige Wohlbefinden und die emotionale Gesundheit tatsächlich verbessern können. In unserer zunehmend stressigen Welt wird diese Funktion der Kunst besonders wertvoll.
Kunst als Quelle des Glücks
Kunst, die sich auf das Streben nach Schönheit konzentriert – wie die Werke von Matisse, Bonnard, Klein oder zeitgenössischen abstrakten Künstlern, die reine Farbe und Form erforschen – ist weder vereinfachend noch oberflächlich. Diese Künstler schaffen nicht nur „angenehme“ Werke; sie schaffen emotionale Erfahrungen, die tief mit den Betrachtern mitschwingen. Die neuroästhetische Forschung zeigt, dass diese Werke direkt unser Gehirn beeinflussen und Botenstoffe freisetzen, die mit Freude und Belohnung verbunden sind.
Im heutigen Kontext, in dem Kunst manchmal zu intellektuell oder konzeptuell erscheint, erinnert uns die Suche nach Schönheit daran, dass Kunst auch einfach eine Quelle des Glücks sein kann. Während Kunst subversiv, provokativ oder beunruhigend sein kann, besitzt sie auch die Fähigkeit, Freude, Gelassenheit und Frieden zu bringen.
Die Künstler, die diesen Weg wählen – die Glücksmacher – verstehen, dass Schönheit nicht oberflächlich, sondern tiefgründig ist. Sie erkennen, dass es in einer Welt voller Komplexität und oft Dunkelheit nicht darum geht, der Wirklichkeit zu entfliehen, sondern Momente reinen ästhetischen Vergnügens zu schaffen, die eine notwendige Ergänzung dazu sind.
Schönheit, weit davon entfernt, nur eine kulturelle Konstruktion oder eine Frage des Geschmacks zu sein, scheint tief in unserer Biologie verwurzelt zu sein. In diesem Sinne sind Künstler, die sich für die Schaffung von Schönheit entscheiden, nicht nur Schöpfer ästhetischer Erfahrungen, sondern auf sehr reale Weise auch Produzenten von Glück. Sie erinnern uns daran, dass die Kraft der Kunst nicht nur in ihrer Fähigkeit liegt, herauszufordern und zu provozieren, sondern auch darin, zu heilen, zu inspirieren und Freude in das menschliche Erleben zu bringen.

Gratitude (2023) - Nikolaos Schizas
Zeitgenössische Glücksmacher: IdeelArts Streben nach Schönheit
Aus persönlicher Überzeugung und nicht aus strategischer Entscheidung hat die Auswahl bei IdeelArt stets Kunst bevorzugt, die positive Gefühle vermittelt. Selbst Künstler in unserer Sammlung, die eher konzeptuelle Ansätze verfolgen, schaffen Werke, die dennoch schön sind; ein Wort, das wir trotz seines manchmal schwierigen Rufs in der Kunstwelt, besonders bei Kritikern, annehmen. Diese organische Entwicklung unserer kuratorischen Vision hat zu einer bemerkenswerten Sammlung zeitgenössischer „Glücksmacher“ geführt, Künstler, die ihre Arbeit dem Streben nach Schönheit und der Hervorrufung von Freude, Gelassenheit und Besinnung widmen.
Unter unseren zahlreichen Künstlern verkörpern Dutzende diese Philosophie, Kunst zu schaffen, die als Quelle von Glück und ästhetischem Vergnügen dient. Jessica Snow bringt dies schön auf den Punkt, wenn sie sagt: „Die Farben und Formen meiner Arbeit sollen hoffentlich dazu beitragen, dass sich die Person in dieser Welt mehr zu Hause fühlt. Wenn das Gemälde das erreicht, habe ich wirklich etwas Wunderbares geschafft.“ Dieses Gefühl zieht sich durch unsere Sammlung, von Daniela Schweinsberg mit ihren lebendigen Kompositionen wie „Berry Bliss“ und „Feeling Light and Free“ über Emma Godebska mit ihren meditativen Lichtstudien in Werken wie „Spring Light (Blue)“ und „Memento (Soft Warmth)“ bis hin zu Nikolaos Schizas mit seinen freudigen Farbfeiern in Stücken wie „Gratitude“ und „If You Want To Be Happy, Be!“
Diese Künstler und viele andere in unserer Sammlung zeigen, dass das Streben nach Schönheit in der zeitgenössischen abstrakten Kunst weder oberflächlich noch kommerziell getrieben ist, sondern ein tiefgründiges künstlerisches Unterfangen, das die Fähigkeit der Kunst anerkennt, zu heilen, zu inspirieren und Freude in das menschliche Erleben zu bringen. Ihre Werke erinnern uns daran, dass es in unserer zunehmend komplexen Welt nicht darum geht, der Wirklichkeit zu entfliehen, sondern Momente reinen ästhetischen Vergnügens zu schaffen, die eine notwendige Ergänzung dazu sind.
Die Vielfalt der IdeelArt-Sammlung von Glücksmachern reicht weit über das hinaus, was wir hier beschreiben können. Im Abschnitt „Verwandte Kunstwerke“ unten entdecken Sie ein reichhaltiges Panorama zeitgenössischer Künstler, deren Werke zu dieser freudigen und schönen künstlerischen Tradition beitragen und jeweils ihre eigene Interpretation davon bieten, wie Kunst als Quelle des Glücks dienen und den Betrachter mehr zu Hause in der Welt fühlen lassen kann.
von Francis Berthomier
Ausgewähltes Kunstwerk: „I want all the roses“ (2023) von Daniela Schweinsberg




























































































