
UKs erste große Retrospektive von Alberto Giacometti in der Tate
Unter zeitgenössischen Künstlern ist Alberto Giacometti einer der am meisten verehrten Meister aller Zeiten. Obwohl der Bildhauer, Maler und Zeichner sein ganzes Leben im 20. Jahrhundert verbrachte, schuf er ein Werk, das wahrhaft zeitlos ist. Alberto Giacometti Skulpturen reduzieren ihre Motive auf das Wesentliche, und doch offenbart sich durch diese Vereinfachung ein Gefühl für die Weite ihres Geistes. Die Arbeiten nur weniger anderer Künstler sind so sofort erkennbar. Und doch ist die Gelegenheit, eine große Anzahl von Giacometti-Werken an einem Ort und zu einer Zeit zu sehen, immer noch selten. Es sind zwei Jahrzehnte vergangen, seit es im Vereinigten Königreich eine große Giacometti-Retrospektive gab. Doch endlich wurde dies korrigiert, als kürzlich eine monumentale Ausstellung von Giacometti in der Tate Modern in London eröffnet wurde. Alberto Giacometti in der Tate Modern vereint eine erstaunliche Auswahl von mehr als 250 Werken, darunter Gemälde, Zeichnungen und natürlich Skulpturen, von denen viele zuvor nie öffentlich gezeigt wurden.
Ein international geliebter Künstler
Alberto Giacometti wurde 1901 in Borgonovo geboren, einer Stadt im Kanton Graubünden, einer Region im Südosten der Schweiz nahe der italienischen Grenze. Seine ersten Kunstlehrer waren sein Vater und sein Pate, beide Maler, und seine ersten Kunstwerke waren Porträts seiner Familie. Es heißt, er habe sein erstes Ölgemälde im Alter von 12 Jahren fertiggestellt und seine erste Skulptur, die seines Bruders Diego, im Alter von 14 Jahren geschaffen. Seine erste organisierte Kunstausbildung erhielt er mit 18 Jahren an verschiedenen Schulen in Genf. Doch 1922 entschied er sich, nach Paris zu ziehen. Dort machte er sich erstmals unter den führenden modernistischen Künstlern seiner Generation einen Namen.
Seine Verwandlung zu dem Meister, den wir heute kennen, begann, als Giacometti Kurse an der Académie de la Grande Chaumière in Paris besuchte. Er studierte dort drei Jahre lang fleißig, wurde jedoch schließlich von der Erschöpfung durch das ständige Abzeichnen der Wirklichkeit müde. Er fühlte sich zu etwas anderem hingezogen, und 1925, nach seiner ersten Ausstellung im Salon de Tuileries, begann er, Inspiration aus indigener Kunst und Bewegungen wie dem Kubismus zu ziehen. Statt die Welt zu kopieren, befreite er sich, um stattdessen aus seinen Gefühlen und seiner Vorstellungskraft zu arbeiten. Eines der ersten Werkgruppen, die aus dieser Richtungsänderung hervorgingen, waren seine sogenannten „flachen Skulpturen“, Büsten mit abgeflachten Formen und primitiv wirkenden Zügen. Einige dieser wegweisenden frühen Werke, wie sein 1926 entstandenes Werk Kopf einer Frau [Flora Mayo], sind in der aktuellen Retrospektive in der Tate Modern zu sehen.
Alberto Giacometti - Kopf einer Frau [Flora Mayo], 1926. Bemalter Gips, 31,2 x 23,2 x 8,4 cm, Aus der Sammlung Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris © Alberto Giacometti Estate, ACS/DACS, 2017
Vom Surrealismus zu Streichholzschachteln
Während der 1930er Jahre pflegte Giacometti eine wechselhafte Beziehung zu den Surrealisten. Seine Arbeiten schienen mit der Sichtweise und Ästhetik der Surrealisten zu harmonieren, doch Giacometti war nie zufrieden mit der engen Sichtweise dieser oder irgendeiner anderen organisierten Künstlergruppe. Dennoch rufen viele der Werke, die er in diesem Jahrzehnt schuf und die in der aktuellen Tate-Retrospektive gezeigt werden, wie etwa Frau mit durchgeschnittener Kehle von 1932, die Geheimnisse von Albträumen und unterbewusster Abstraktion hervor und führen eine faszinierende ästhetische Unterhaltung mit surrealistischer Bildsprache.
Im Verlauf der 1930er Jahre erlitt Giacometti eine Reihe von Tragödien, darunter den Tod seines Vaters 1933 und den Tod seiner Schwester bei der Geburt 1937. 1938 wurde Giacometti von einem Auto angefahren, was ihm ein Leben lang ein Hinken einbrachte. Die schlimmste Phase seines seelischen Kampfes begann zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Er versuchte zu kämpfen, wurde aber wegen seiner Verletzung abgelehnt. Nach der Flucht vor der deutschen Invasion in Paris 1940 und einer kurzen Rückkehr in die Stadt entschied er sich schließlich, in die Schweiz zurückzukehren, wo er den Rest des Krieges verbrachte. Dort begann seine letzte Verwandlung als Künstler. Er begann, winzige Skulpturen zu schaffen, so klein, dass er sie nach dem Krieg in Streichholzschachteln mit nach Paris nehmen konnte. Zurück in Paris hatte er dann eine künstlerische Erleuchtung, inspiriert von seinen Miniaturskulpturen und einer neuen, ganz persönlichen Wahrnehmung der menschlichen Gestalt.
Alberto Giacometti - Frau mit durchgeschnittener Kehle, 1932. Bronze (Abguss 1949), 22 x 75 x 58 cm, Aus den Nationalgalerien Schottlands © Alberto Giacometti Estate, ACS/DACS, 2017
Die Großen und die Schlanken
Wie zu erwarten, konzentriert sich der Großteil von Giacometti in der Tate Modern auf die außergewöhnlichen Werke, die Giacometti nach dem Krieg und nach seiner Erleuchtung schuf. Denn erst dann entwickelte er seinen charakteristischen Stil, große, schlanke, langgestreckte menschliche Figuren zu gestalten. Diese bemerkenswerten Gestalten sind der Höhepunkt eines Lebens, das darum rang, ein Gleichgewicht zwischen der konkreten und der abstrakten Welt zu finden. Sie bieten ein perfektes figürliches Gefühl für die Reduktion der Menschlichkeit, die nach dem Krieg empfunden wurde, und doch enthalten sie eine Solidität, eine Greifbarkeit, eine Würde und eine Zeitlosigkeit, die selbstbewusst von der ewigen Stärke und Zähigkeit des Geistes zeugen.
So zerbrechlich und erschöpft waren diese Figuren, die Giacometti schuf. So kraftvoll in ihrer Präsenz und doch so zart. 1948 wurde Giacomettis Kunst erstmals in den Vereinigten Staaten ausgestellt, in der Pierre Matisse Galerie, die dem jüngsten Sohn des Künstlers Henri Matisse gehörte. Der Katalogaufsatz zur Ausstellung, die den Titel Eine Suche nach dem Absoluten trug, wurde von einem französischen Schriftsteller verfasst, den Giacometti kurz vor dem Krieg kennengelernt hatte, Jean-Paul Sartre. In den folgenden anderthalb Jahrzehnten brachte die öffentliche Faszination für diese erstaunlichen Werke Giacometti internationalen Ruhm. Er stellte mehrfach auf der Biennale von Venedig als Vertreter Frankreichs aus, war in Ausstellungen in ganz Europa sowie in seiner Heimat vertreten und erhielt Retrospektiven in Deutschland, den Vereinigten Staaten und England.
Eine Rückkehr zur Tate
Giacometti starb 1966 in der Alpenstadt Chur, in derselben Region, in der er geboren wurde. Er ist auf dem Friedhof seiner Heimatstadt begraben. Es besteht kein Zweifel, dass er von den Menschen seines Heimatlandes verehrt wird. Gleichzeitig wird er jedoch meist mit Frankreich in Verbindung gebracht, wo er lebte, als er viele seiner wichtigsten Werke schuf. Kurz vor seinem Tod wurde er sogar von der Nation Frankreich mit dem Nationalen Kunstpreis geehrt, ein Zeugnis für den Einfluss seines Lebens und seiner Kunst auf dieses Land. Es ist jedoch auch erwähnenswert, dass die letzte Retrospektive, die Giacometti zu Lebzeiten hatte, tatsächlich in England stattfand und wie die aktuelle Retrospektive ebenfalls in der Tate, damals Tate Gallery genannt. Diese Ausstellung, die 1965 stattfand, reiste auch zum Museum of Modern Art in New York und zum Louisiana Museum in Humlebaek, Dänemark.
Annette Giacometti, die Ehefrau und häufige Modell von Alberto, lebte 27 Jahre nach dem Tod ihres Mannes weiter und widmete einen enormen Teil ihrer Zeit und Energie der Bewahrung des Vermächtnisses ihres Mannes. Sie gründete eine Stiftung zur Dokumentation und Sammlung seiner Werke und war maßgeblich daran beteiligt, eine gute wissenschaftliche Aufarbeitung seines Lebens sicherzustellen. Tatsächlich ist es durch einen bisher unerreichten Zugang zur Fondation Alberto et Annette Giacometti in Paris möglich, dass diese aktuelle Giacometti-Ausstellung in der Tate Modern eine so außergewöhnliche Sammlung selten und noch nie gezeigter Werke zusammenbringen kann. Alberto Giacometti in der Tate Modern in London ist bis zum 10. September 2017 zu sehen. Die Ausstellung wird von Frances Morris, Direktorin der Tate Modern, in Zusammenarbeit mit Catherine Grenier, Direktorin und Chefkuratorin der Fondation Alberto et Annette Giacometti in Paris, sowie Lena Fritsch, Assistenzkuratorin der Tate Modern, und Mathilde Lecuyer, stellvertretende Kuratorin der Fondation Alberto et Annette Giacometti, kuratiert. Zur Ausstellung erscheint ein vollständiger Katalog, herausgegeben von Tate Publishing, der von den Kuratorinnen Frances Morris, Lena Fritsch, Catherine Grenier und Mathilde Lecuyer gemeinsam betreut wird.
Alberto Giacometti - Die Hand, 1947. Bronze (Abguss 1947-49), 57 x 72 x 3,5 cm, aus der Sammlung des Kunsthauses Zürich, Alberto Giacometti Stiftung © Alberto Giacometti Estate, ACS/DACS, 2017
Titelbild: Alberto Giacometti und seine Skulpturen auf der Biennale von Venedig, 1956, aus den Archiven der Giacometti-Stiftung
Alle Bilder dienen nur zur Veranschaulichung
Von Phillip Barcio






