
Wie Farbmaler mit Farbtönen sprechen
Was ein Farbmeister uns gibt, ist kein Gelb, das „Gelb“ sagt, oder gar ein Gelb, das „Berg“ oder „Baum“ sagt, sondern vielmehr ein Gelb, das „Ewigkeit“, „Heftigkeit“, „Freundlichkeit“, „Kraft“, „Ruhe“ oder „Liebe“ ausdrückt. Farbmaler konzentrieren sich nicht einfach nur auf Farbe, sie kommunizieren durch sie. Sie arbeiten mit ihr zusammen, um das Unaussprechliche auszudrücken. Sie verwenden Farbe nicht, um uns eine Oberfläche zum Anstarren zu geben, sondern um uns nach innen zu etwas jenseits der Oberfläche einzuladen, tief im Bild und in uns selbst.
Sprechen mit Farbtönen
Die rebellischen Maler, die später als Impressionisten bekannt wurden, hielten 1874 ihre erste Ausstellung in einem gemieteten Atelier in Paris ab. Das französische Establishment, verkörpert durch den Salon, hatte sie abgelehnt, und diese Ausstellung zog nur weitere Beleidigungen nach sich. Dennoch schenkten uns die Impressionisten, obwohl missverstanden, unzählige besondere Gaben, nicht zuletzt eine Technik, winzige Halbmonde aus Farbe zu malen. Aus der Entfernung betrachtet erzeugt diese Technik auf unerklärliche Weise ein lebendigeres Farbgefühl als sorgfältig gemischte, traditionell aufgetragene Farbe.
Impressionistische Halbmonde zeigen das Gesetz des simultanen Farbkontrasts. Postimpressionistische Gruppen wie die Fauves und die Orphisten erforschten dieses Phänomen eingehend. Die Malerin Sonia Delaunay prägte den Begriff „simultanéisme“ und beschrieb, wie bestimmte Farben nebeneinander „vibrierten“ und wie verschiedene Farben, wenn sie nebeneinander gezeigt werden, anders wirken als allein und sich gegenseitig in ihrer Farbintensität verstärken.
Sonia Delaunay - Rhythm Colour Nr. 1076, 1939, © Pracusa 2014083
Die großen Farbmeister
Im Verlauf der Geschichte der Abstraktion haben Maler das „simultanéisme“ weiterentwickelt und versuchen, durch den Einsatz von Farbe transzendente Erlebnisse in ihrer Arbeit zu ermöglichen. Als der Maler Hans Hofmann zur reinen Abstraktion überging, schuf er einige seiner emotional aufgeladensten Werke, indem er die expressive Fülle kontrastierender Farbtöne erforschte. Jahrzehnte später entwickelten die Color Field-Künstler eine Malweise, die sich ausschließlich auf die offenbarende Kraft der Farbe konzentrierte.
Hans Hofmann - Elysium (Detail), 1960, Öl auf Leinwand, 214 x 128 cm, Blanton Museum of Art, © 2010 Renate, Hans & Maria Hofmann Trust / Artists Rights Society (ARS), New York
Die ständige Verwandlung der Farbe
Die Erforschung der Sprache der Farbtöne geht heute weiter, da neue Künstlergenerationen Wege suchen, das Potenzial der Farbe zu erforschen. Der zeitgenössische abstrakte Maler Matthew Langley baut auf den Traditionen der Color Field-Künstler auf und erweitert deren Vokabular auf eindrucksvolle Weise. Langley arbeitet in Schichten und sammelt Farbfelder, die sich zu einem vibrierenden Gemisch aus komplementären Farbtönen entwickeln. Seine intensive Technik des Aufbaus und Abtragens führt zu einer Tiefe der Unterlagen, die das Auge nach innen zieht. Das Ergebnis sind Werke, die einen Eindruck von Zyklen, Verfall und neuem Wachstum sowie dem Vergehen der Zeit vermitteln.
Der Maler Brent Hallard baut ebenfalls auf der Sprache der Farbe auf und schafft lebhaft bunte Werke auf Aluminium oder Papier mit Markern, Aquarellfarben und Acrylfarben. Hallard ordnet monochrome Farbfelder in präzisen Anordnungen auf seinen geformten Flächen an. Die kontrastierenden Farbfelder schocken gleichzeitig das Auge und beruhigen das Unterbewusstsein. Hallards nicht-malende Oberflächen besitzen eine angeborene Flächigkeit, doch seine Farbauswahl und sein Sinn für Genauigkeit erzeugen eine optische Räumlichkeit, die den Betrachter in einen vorgestellten Raum der Betrachtung zieht.
Matthew Langley - Solaris, 2015, 56 x 71 cm
Ein visueller Rhythmus
Die zeitgenössische Farbmeisterin Ellen Priest schafft Werke, die direkt den schwingenden Rhythmus der Farbe ansprechen. Priest malt jazzinspirierte Bilder, die darauf abzielen, die Erfahrung von Bewegung und Licht einzufangen. Indem sie mutig und gestisch Markierungen auf ihre Flächen aufträgt, füllt sie aktive weiße Flächen mit kontrastierenden Farbschwüngen. Die entstehenden Bilder vermitteln ein improvisatorisches Gefühl, da die Farben sowohl gegeneinander reagieren als auch miteinander verschmelzen. Auf den ersten Blick wirken die Werke lebhaft, fast nervös. Bei genauerer Betrachtung bietet die Mischung der durch die überlagerten Markierungen entstandenen Farbtöne einen gedämpfteren Raum für den Geist.
Was abstrakte Farbmaler suchen, ist ein vertieftes Verständnis der kommunikativen Eigenschaften der Farbe. Dass Farbe spricht, ist unbestreitbar. Sie zu hören, zu verstehen und durch Malerei zu übersetzen, ist das Ziel des Farbmalers. Ob ein Betrachter ein Farbwerk versteht, hängt zum Teil von seiner Sehweise ab. Eine der Eigenheiten unserer menschlichen Erfahrung ist, dass unsere Augen Farben oft unterschiedlich wahrnehmen. Doch gerade das macht Farbmalerei so fruchtbar für die Betrachtung, da jeder von uns sich ihr individuell stellen muss und nur in sich selbst eine Verbindung zu ihr finden kann.
Abgebildetes Bild: Sonia Delaunay - Synkopierter Rhythmus, sogenannter Der schwarze Schlange (Detail), 1967, Musée des Beaux-Arts, Nantes, Frankreich, © Pracusa 2014083
Alle Bilder dienen nur zur Veranschaulichung






